Orgeln

Der Gemeindegesang spielte schon zu Beginn der Reformation eine wichtige Rolle. Er war Beteiligung der Gemeinde am gemeinsamen Gottesdienst. Da sich in den Gesangbüchern zur Einführung des neuen württembergischen Gesangbuches Anfang des 20 Jahrhunderts keine Noten befanden, und die Gemeinde in der Regel auch keine Noten lesen konnte, war die Begleitung des Gemeindegesangs mit einer Orgel, notfalls einem Harmonium, notwendig

Bereits bei der Einweihung der Schlosskirche stand ein Harmonium zur Begleitung des Gemeindegesangs zur Verfügung. Dieses Harmonium wurde leihweise von Herrn Kameralverwalter Nübling zur Verfügung gestellt. 1856 konnte dann mit einer Hilfe von 100 fl. der "Gustav-Adolf-Stiftung" ein eigenes Harmonium mit acht Registern angeschafft werden.

Der große Wunsch der Gemeinde war auf eine Orgel gerichtet. Die Finanzierung war aber für die kleine Gemeinde ein großes Problem. 1865 hatte man wieder neue Hoffnung. In der Schlosskirche in Friedrichshafen wurde eine neue Orgel aufgestellt. Das Bezirksbauamt in Ravensburg erklärte den notwendigen Umbau in der Kapelle für die kleine Gemeinde als zu teuer. So wurde auch diese Hoffnung zunichte. Die Orgel wanderte in die Kirche nach Kehlen und tat dort bis 1920 Dienst.

Mit Hilfe von Spenden von auswärts, hauptsächlich wieder von "Gustav-Adolf-Frauenvereinen" konnte 1895 eine Orgel bei der Orgelbaufirma Walcker in Ludwigsburg bestellt werden. Dieses Instrument hatte ein Manual und acht Register. Zur Aufstellung der Orgel waren Umbaumaßnahmen notwendig. Der bisher vermauerte Bogen zu Mitte der Empore wurde geöffnet und die Orgel auf der Empore aufgestellt. Das Fenster hinter der Orgel wurde zugemauert. Mit Anschaffung dieser ersten Orgel traten dann Probleme mit den, offensichtlich nicht immer sehr zuverlässigen, Konfirmanden, die Dienst als Orgeltreter taten, auf. Dieses Problem erscheint jahrzehntelang in den Protokollen des Kirchengemeinderats.

Ein besonderer Einschnitt ist das Jahr 1917. Die Orgelpfeifen aus Zinn mussten zu Kriegszwecken abgeliefert werden. Herr Pfarrer Elsenhans hat sehr engagiert versucht die Ablieferung hinaus zu zögern. Es war erfolglos, im September mussten die Pfeifen abgeliefert werden. Ersetzt wurden sie mit Pfeifen aus Zinkblech.

Bei der ersten großen Renovierung der Schlosskirche in den Jahren 1953 - 1955 machte sich die Gemeinde Gedanken um die Anschaffung einer neuen Orgel. Die hohen Kosten, die der Gemeinde bei der Renovierung entstanden, machten aber wieder den Wunsch nach einem Instrument, das für die herrliche Akustik dieses Raumes abgestimmt ist, zunichte. Nach langen Überlegungen wurde die Orgel, die wir heute noch haben, angeschafft und auf der Seitenempore aufgestellt. Es handelt sich um eine Serienorgel der Firma Walcker mit einem Pedal, zwei Manualen und zehn Registern.

Ein historischer Augenblick war es, als Pfarrer Thomas Wagner den Orgelbauvertrag für die neue Orgel in der Schlosskirche im Neuen Schloss mit der Orgelbaufirma „Freiburger-Orgelbau Hartwig Späth“ unterschreiben konnte. Vorausgegangen waren langjährige Überlegungen, Verhandlungen und vor allen Dingen das Einwerben von Opfern und Spenden. Für Orgeln gibt es von der Landeskirche keine besonderen Zuweisungen, sie müssen ganz aus Opfern und Spenden finanziert werden.
Es waren sehr viele kleine und auch einige große Schritte, die es möglich gemacht haben den finanziellen Grund für den langjährigen Traum einer neuen Orgel für die Schlosskirche nun zu verwirklichen. Es sind inzwischen weit mehr als die mindestens notwendigen 50 % der Gesamtkosten eingegangen. Dem Kirchengemeinderat war es besonders wichtig, dass die Opfer und Spenden für andere soziale und diakonische Zwecke und Einrichtungen hierunter nicht gelitten haben. Noch ist das Ziel der Gesamtfinanzierung von etwa 160.000.00 € allerdings nicht erreicht, weitere Hilfen sind dringend notwendig.
Mit Unterstützung des Orgelsachverständigen Jürgen Berron, Riedlingen hat sich der Orgelbauausschuss sehr intensiv mit dem Thema - neue Orgel - beschäftigt, Kontakte mit mehreren Orgelbaufirmen aufgenommen, bei einer Reise mehrere Orgeln besichtigt und Angebote eingeholt. Nach reiflicher Überlegung bekam die Orgelbaufirma „Freiburger Orgelbau – Hartwig Späth“ den Zuschlag.
Die Firma Späth hatte ihren ursprünglichen Sitz in Oberschwaben, in Ennetach Mengen. In diese Region wurden schon viele Orgeln geliefert, so auch 1922 eine Orgel in die St. Gallus Kirche in Tettnang. Die Orgel für die Schlosskirche wird von der vierten und fünften Generation, von den Orgelbaumeistern Hartwig und Tilmann Späth gebaut. Das neue Instrument ist die dritte Orgel in der Schlosskirche, das erste Instrument allerdings, das speziell für den akustisch sehr anspruchsvollen barocken Raum gebaut und vor Ort speziell intoniert werden wird.
Die neue Orgel wird 2 Manuale, ein Pedal, 12 Register, einschließlich eines Zungenregisters, und sechs Wechselschleifen haben, wodurch die Möglichkeiten der Register nochmals erweitert werden. Ein großes Problem war der Platz für die Aufstellung. Der beste Aufstellungsplatz, bei dem sowohl Platzbedarf, Optik als auch gute klangliche Abstrahlung gegeben ist, war nicht leicht zu finden. An der üblichen Stelle für eine Orgel, auf der Rückseite der Kirche auf der Empore, ist nicht genügend Platz vorhanden, da die Empore auch als Durchgang bei den Schlossführungen benötigt wird. Bei einer Begehung aller Beteiligten gemeinsam mit der Vertreterin des Landesdenkmalamtes und Vertretern der zuständigen Baubehörde „Vermögen und Bau Baden-Württemberg“ wurde beschlossen, das neue Instrument am seitlichen bisherigen Platz der Orgel, allerdings weiter nach vorne bis an die Brüstung gerückt, aufzustellen. Dieser etwas ungewöhnliche Standort ist eine weitere Herausforderung für den Orgelbauer.
Die Gestaltung des Prospektes ist noch nicht geklärt und wird noch einige Überlegungen erfordern. Ein weiteres Problem war die Überprüfung der Statik des Standortes. Mit Hilfe von Architekt i.R. Klaus Kees und Dipl. Ing. FH Alexander Letsche konnte dies Problem schnell gelöst werden. Die Martin-Luther-Gemeinde freut sich schon heute auf den Tag in eineinhalb bis zwei Jahren, an dem die neue Orgel in der Schlosskirche zum ersten Mal erklingt.
In einem Pressebericht nach einem Konzert mit Domorganist Markus Eichenlaub und Solotrompeter Bernhard Kratzer hieß es: „ es ist der herrliche Kirchenraum, der so manche Unzulänglichkeit des Instrumentes vergoldet ... es wurde besonders deutlich, dass man der evangelischen gemeinde ein neues und etwas größeres Instrument wünscht.“
Dieser Wunsch wird mit der geplanten Orgel endlich in Erfüllung gehen.

Jost Wünsche