Evangelische Konfessionsschule

Die evangelische Konfessionsschule

Schulen zu gründen war im 19. Jahrhundert den Gemeinden ein großes Anliegen. Es gab damals ja nur Konfessionsschulen, deren Träger die Kirchengemeinden waren. Bei der Jahresversammlung des "Gustav-Adolf-Vereins" 1881 berichtete der Ravensburger Diasporapfarrer über die Schulsituation in Oberschwaben: "....überhaupt glaube ich, so sind´s hauptsächlich Schulen. Sie zu gründen ist vielleicht wichtiger als Betsäle; denn wenn wir das nicht thun, so wächst die Mehrzahl ohne evangelisches Bewusstsein heran, mit der man in späteren Zeiten schwer tun wird."

Schon 20 Jahre vor diesem Bericht wurde in Tettnang der Grund für die eigene Konfessionsschule gelegt. Der erste Pfarrverweser Eckart eröffnete im Frühjahr 1861 in einem Raum der Pfarrwohnung mit 9 Knaben und 6 Mädchen die über 10 Jahre alt waren die evangelische Konfessionsschule. Dazu kamen zum Religionsunterricht 3 Schüler der Realschule. Der Raum wurde auf Kosten der Gemeinde hergerichtet und Schulbänke und ein Katheder, das auch vorläufig als Gemeinde-Registratur diente, angeschafft. Befriedigend war dieser Zustand nicht. Es fehlte eine ausgebildete Lehrkraft und für die jüngeren Schüler war auch noch nicht gesorgt. Im Jahr 1864 änderte sich die Situation dadurch, dass Freiherr von Malchus im Oberhof für seine Kinder einen Privatlehrer anstellten wollte. Da dieser nicht ganz ausgelastet sein würde, sollte er 14 Stunden Unterricht an der Schule der Gemeinde und den Organistendienst übernehmen. Nachdem die "Gustav-Adolf-Stiftung" einen Jahresbeitrag zum Gehalt zugesichert hatte, konnte der Vertrag unterschrieben werden. Mit dem Unterlehrer Pfeffer, der bisher an der Taubstummenanstalt Winnenden tätig war, fand sich bald eine geeignete Lehrkraft.

Nun konnten auch die jüngeren Schüler ab der 1. Klasse in die Schule aufgenommen werden. Hierdurch entstand aber ein neues Problem; der Schulraum in der Pfarrwohnung wurde zu klein. Herr Kameralverwalter Nübling, der zur Gemeinde gehörte und auch im Schloss wohnte, stellte die sogenannte "Heukammer" im Erdgeschoss zur Verfügung. So konnte die vergrößerte Schule am 6. Mai 1865 eröffnet werden. Durch das Anwachsen der Kosten musste allerdings auch das Schulgeld von 48 Kreutzer auf 1 Gulden 12 Kreutzer erhöht werden. Als im gleichen Jahr der Vertrag mit der Familie Malchus gekündigt wurde konnte die Schule nur mit einer weiteren Hilfe der "Gustav-Adolf-Stiftung" weitergeführt werden. Ein anderes Problem war der häufige Wechsel der Lehrer, da die Stelle nicht "ständig" war. Um den frühen Übergang begabter Schüler in die Realschule hinauszuzögern wurde für diese Schüler auch ein Unterricht in Französisch und Geometrie eingeführt.

Die Schülerzahl wuchs auf durchschnittlich 20, 1880 30 und 1890 50 Schüler an. Der Schulraum im Schloss war schon lange zu klein. Es ergab sich dann die Gelegenheit, ein Gebäude in der Grabenstraße, das sich zum Umbau als Schulhaus gut eignete, von dem Maurermeister Thanner zu kaufen. Nach dem nötigen Umbau konnte dies Gebäude am 22. August 1893 feierlich eingeweiht werden. Neben anderen "Honoratioren" war auch der erste Pfarrverweser und Lehrer Pfarrer Eckhardt anwesend. Pfarrer Eckhardt war damals Pfarrer in Münster (heute Vorort von Stuttgart). Er war von seiner Tätigkeit in Lyon und Tettnang sehr stark geprägt und setzte sich bei den Jahresversammlungen der "Gustav-Adolf-Stiftung " sehr engagiert für die Diaspora in Oberschwaben ein.

Pfarrer Elsenhans schrieb 1924 in einem Bericht über die Schule:
Die Schwierigkeiten der Diasporaschulen haben natürlich auch bei uns bis auf den heutigen Tag Lehrern und Schülern mancherlei äußere und innere Not bereitet. Außer 29 Tettnangern kommen unsere Schüler derzeit aus 20 Parzellen in 7 Gemeinden. Da fehlt schon das einheitliche Gepräge der Kinderschar, zumal bei dem häufigen Wechsel der Familien. Die Kinder von den entlegenen Höfen sind weltfremd, ja lebensfremd. Weite einsame Wege - bis 1 1/2 Stunden - bringen Ermüdung und Zeitverlust, die Gesundheit ist Gefahren durch Unwetter ausgesetzt.

Ein ganz besonderes Ereignis, das nur in Tettnang nachgewiesen werden konnte, war die Einführung einer "Schulspeisung". In den Wintermonaten erhielten die auswärtigen Schülern mittags eine warme Suppe. Im Jahresbericht 1900 der "Gustav-Adolf-Stiftung" wird berichtet:
"Einen originellen Posten in der letzten Jahresrechnung bilden die 1556 Portionen Suppen für auswärtige Diaspora Kinder die in Tettnang die Schule besuchen."

Der Unterhalt der Schule war eine starke Belastung für die kleine Diasporagemeinde. Eine gewissere Erleichterung waren die "zuerst zögernd, teilweise anfänglich ablehnend, allmählich dankenswerter Weise" geleisteten Beiträge der bürgerlichen Gemeinden aus denen die Schüler stammten. Voran ging ab 1890 Tettnang, es folgten dann Meckenbeuren, Obereisenbach, Liebenau und Tannau. Ab 1895 wurde ein Staatsbeitrag, zuerst zu den Gehaltskosten, dann aber auch für die Einführung von Zeichen- Turn- und Handarbeitsunterricht, bezahlt. Die evangelischen Kindern durften auch die neu erbaute Turnhalle mitbenutzen. Im gleichen Jahr wurde die Fortbildungsschule, ein Vorgänger der Berufsschule, für Jungen und Mädchen eingerichtet.

Im Jahr 1912 wurde die Lehrerstelle eine "ständige" Stelle. Bisher wurde dies wegen der mangelnden finanziellen Ausstattung immer wieder abgelehnt. Der bisherige Schulamtsverweser Machtolf wurde erster Hauptlehrer. Die Freude dauerte aber nicht sehr lange. Der erste Weltkrieg brach aus und Hauptlehrer Machtolf wurde eingezogen. Der Schulunterricht wurde während des Krieges von Herrn Stadtpfarrer Elsenhans unter Mithilfe seiner Frau und Gemeindegliedern durchgeführt.

In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg wurden neue Schulgesetze verabschiedet. Die bisher einklassige Schule hätte in eine zweiklassige Schule umgewandelt werden müssen. Diese Maßnahme ging aber bei weitem über die Kraft der Gemeinde, zumal 1921 das Schulgeld abgeschafft wurde. Im Jahr 1925 ging die Schule als "Evangelische Konfessionsschule" in die Trägerschaft der Stadt Tettnang über. Das Schullokal bleibt aber vorläufig noch im alten Schulhaus in der Grabenstraße. Erst 1931 zog die Abteilung I in das Torgebäude, 1935 folgte die Abteilung II. Von dieser Zeit an wird das Schulhaus, bis zum Bau des neuen Gemeindezentrums, als Gemeindehaus benutzt. Heute steht an der Stelle des Schulhauses das Parkhaus. Der eiserne Brunnen, der heute noch in der Grabenstraße steht, stand etwa zwischen den beiden Grundstücken der Küferei und Mosterei Mendel und dem Schulhaus. Letzter Lehrer, der vielen Älteren noch bekannt ist war Oberlehrer Wiedmann. Er wohnte bis zum Verkauf des Schulhauses in der Grabenstraße und spielte bis nach dem Krieg die Orgel in der Schlosskirche und später noch in Neukirch.

Während des Hitlerregimes wurden die konfessionellen Schulen aufgelöst. Es gab nur noch staatliche Schulen, an denen weiterhin konfessioneller Religionsunterricht erteilt werden konnte. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs wurden in der damaligen französisch besetzten Zone, dem Land "Württemberg-Hohenzollern, wieder Konfessionsschulen in städtischer Trägerschaft eingerichtet. Viele ehemalige Schüler werden sich noch an den Rektor, Herrn Scholich, und die Lehrerin Frau Probst erinnern. Herr Scholich war noch lange Zeit Leiter des Kirchenchors und Organist. Nach langen, kontrovers geführten, politischen Diskussionen in denen das "Elternrecht" eine große Rolle spielte, wurden die konfessionellen Schulen im Rahmen der Bildungsreform durch das sogenannte "Aschermittwochsgesetz" im Jahr 1967 in christliche Gemeinschaftsschulen umgewandelt.

Jost Wünsche