Interview

Eines der ältesten Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Tettnang ist Georg Striebel aus Notzenhaus. Der Landwirt, Jahrgang 1930 hat nahezu die Hälfte der Entwicklung der Gemeinde miterlebt. Der Schlossbote hat mit ihm gesprochen.

Schlossbote (SB): Herr Striebel, Sie sind eines der ältesten Mitglieder der Kirchengemeinde. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben von Ihren "evangelischen Zeiten" in der Diaspora?

Georg Striebel (GS): Bei uns im Dorf und auch in der Schule war ich der einzige Andersgläubige, halt immer der Außenseiter. Alle anderen auf dem Land waren katholisch. Dafür wurde ich als Bub oft gehänselt. Die ersten zwei Schuljahre musste ich in Krumbach in den katholischen Religionsunterricht. Vom dritten Schuljahr an war ich dann der einzige Schüler von Pfarrer Martin Kinzler.

SB: Außer dem Religionsunterricht gab es vor dem Kriegsende aber sicher noch mehr evangelische Aktivitäten?

GS: Ja freilich. Mit dem Fahrrad bin ich immer zur Kinderkirche und später zur Christenlehre nach Tettnang gefahren. Und beim Pfarrhaus in Tettnang in der Grabenstraße - da war auch der Versammlungsraum -, hab' ich auch helfen dürfen, das Anwesen sauber zu halten, zum Beispiel Unrat wegbringen und Ähnliches, später dann beim neuen Pfarrhaus.

SB: Sie müssen doch vor 1945 auch konfirmiert worden sein?

GS: Ja, meine Konfirmation war 1944 in Tettnang in der Schlosskirche durch Pfarrer Kinzler. Da standen damals noch Kanonenöfen drin und sie war etwas dunkel, Wir waren 11 Konfirmanden, fünf Buben und sechs Mädchen. Wir bekamen als Erinnerung ein Bild vom Deckengemälde. Danach kam Pfarrer Tangermann, da war der Krieg schon vorbei.

SB: War das nicht etwas weit, immer bis Tettnang zum Gottesdienst?

GS: Notzenhaus gehörte eigentlich zu Neukirch, wo auch Gottesdienst war. Nach dem Krieg hatten wir dann zuerst in der alten Schule in Tannau einen Gebetsraum. Die Gottesdienste fanden bald darauf im heutigen Gasthaus Köhle in Neukirch statt. Heute haben wir ja einen Raum in der neuen katholischen Kirche in Neukirch, im Seitenraum, der von der alten geblieben ist. Alle anderen Unternehmungen spielten sich aber in Tettnang ab, zum Beispiel Altennachmittage.

SB: Wissen Sie noch, wer Pfarrer in Tettnang war in diesen langen Jahren?

GS: Sicher. Nicht ganz genau mögen die Jahreszahlen stimmen. Nach Pfarrer Tangermann kam 1966 Pfarrer Geiger. Bei dem war seine Mutter. Er war nicht verheiratet. Er baute das neue Gemeindezentrum. Dann kam 1978 Pfarrer Waldbaur, danach Pfarrer Maurer. Der war schon mal bei uns gewesen, 1968 als Vikar. Der erinnerte sich noch an mich. Heute haben wir ja die jungen Pfarrersleute Kleinknecht-Wagner.

SB: Wie würden Sie in der Rückschau ihr Leben als Evangelischer betrachten?

GS: Also, alles in allem genommen bin ich der Meinung: für mich war es eine schöne Zeit in der Diaspora.

(Das Interview führte Uta Heidtmann)