Kirchgemeinde in Tettnang

Die evangelische Kirchengemeinde Tettnang um die Jahrhundertwende 1900.
Dr. Edgar Walter

In den Kirchenbüchern, Protokollen, Pfarrberichten und in "Blätter der evangelischen Gemeinde Tettnang" hat Herr Professor Dr. Edgar Walter, Weingarten über die soziale Struktur und die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Gemeinde in der Zeit um die Jahrhundertwende 1900 geforscht. Diese Arbeit gibt einen interessanten Einblick in diese Zeit, nicht nur in unserer Gemeinde. Im "Volksblatt" für den Bodenseekreis stand am 30. August 1854:

Gestern feierten wir in Tettnang die Einweihung der für den evangelischen Gottesdienst neu restaurierten Schlosskapelle. Um 10 Uhr verkündeten zahlreiche Böllerschüsse die Ankunft Ihrer Majestät, der Königin Pauline. Sie begab sich unter dem Geleit der königlichen und städtischen Behörden durch den inneren Schlosshof auf blumenbestreutem Pfade zur Kapelle. Die Gemeinde folgte nach und stimmte den Choral "Gott Vater aller Dinge,..." an.

150 Jahre evangelische Schlosskirche.

Sechs Generationen haben diese Zeit durchlebt. Vielfältigem Wandel waren die Menschen ausgesetzt. Erinnern wir uns daran, wie anders die Welt vor 150 Jahren aussah. 1847 war zwar die Eisenbahnlinie von Friedrichshafen nach Ravensburg eröffnet worden, aber im Alltag hatte sich dadurch nicht viel verändert. Erst 1895, etwa 50 Jahre später, erhielt Tettnang einen eigenen Bahnanschluss, und im gleichen Jahr wurde das elektrische Licht eingeführt. Wir haben es also im 19. Jahrhundert mit einer Zeit zu tun, in der man zu Fuß ging oder das Pferdefuhrwerk benutzte, in der die Öfen von Hand mit Holz geheizt, die Wäsche von Hand gewaschen wurde. Und erst 1912 konnte ein Auto im Ort bei Druckereibesitzer Senn bestaunt werden. Tettnang hatte sich aber von den großen politischen Vorgängen nicht fernhalten können. Seit 1810 gehörte es als "eines der geringeren Städtchen in Oberschwaben" zum Königreich Württemberg. An die Stelle der Habsburger katholischen Glaubens war nun ein König protestantischen Glaubens getreten. Beamte aus dem evangelischen Unterland wurden eingesetzt. 1823 gab es in Tettnang jedoch nur 15 Einwohner evangelischen Bekenntnisses, knapp 1 % der Bevölkerung. Bis 1900 nahm ihre Zahl immerhin stetig zu, ohne allerdings die 5 % Grenze (155 Personen) zu übersteigen. Zur Kirchengemeinde gehörten neben den Beamten noch eine Reihe von Bauern im Umland. Sie stammten ebenfalls aus dem Unterland, wo sie als nachgeborene Söhne keine Lebensgrundlage hatten finden können. Bis 1854 hatte es nur in Friedrichshafen einen evangelischen Pfarrer gegeben, doch ab 1861 erhielt Tettnang auch eine eigene Pfarrstelle. Zu dieser Entwicklung nahm der damalige katholische Pfarrer Stellung. In der Chronik der Pfarrgemeinde St. Gallus findet man: Das Jahr 1861 war für Tettnang noch dadurch merkwürdig, dass eine protestantische Pfarrverweserei eingerichtet wurde und der erste Pfarrverweser Eckardt am 5. März dahier eintraf. Mit den Beamtenfamilien hielten sich hier ungefähr 90 bis 100 Protestanten auf. Darunter war nur die Familie des Färbers David Finniger bürgerlich. Die übrigen waren Arbeiter in der Gesslerschen Seidenfabrik und Dienstboten. Die Logik der Hausväter und Hausmütter ging so weit, dass sie besonders in den besseren Häusern protestantische Dienstboten den katholischen vorzogen, um sie nicht in die Kirche und namentlich in die Christenlehre schicken zu müssen, und so haben sie selbst dazu beigetragen, eine protestantische Pfarrstelle dahier zu errichten. Ich habe die Bürger-Collegien wiederholt darauf aufmerksam gemacht, aber tauben Ohren gepredigt. Dieses einzige Mal klingt ein leicht feindseliger Ton an, sonst hat von Beginn an ein sehr freundschaftliches Verhältnis zwischen der evangelischen und der katholischen Gemeinde bestanden. So war gleich der erste Organist ein katholischer Lehrer, der das Amt mit Zustimmung seiner Vorgesetzten versah. Und auch während des ersten Weltkrieges, als der evangelische Organist Soldat war, sprang sofort ein katholischer hilfsbereit ein. Allenfalls einige evangelische Kinder, die katholische Schulen in Meckenbeuren oder Neukirch besuchen mussten, hatten gelegentlich unter Parteilichkeit von Lehrern oder Mitschülern zu leiden gehabt. Mit den Beamtenfamilien hat es seine Richtigkeit. Als 1810 Tettnang dem Königreich Württemberg einverleibt worden war, stellte die Regierung ausschließlich Personal, zumindest in den oberen Rängen, aus dem württembergischen Kernland ein. Im Laufe von 100 Jahren änderte sich das völlig, und um 1910 werden alle diese Stellen wieder weitgehend mit oberschwäbischen katholischen Beamten besetzt sein. Ein lebendiges Bild von Wandel und Kontinuität der Zeit zeigt die Mesnerinstruktion aus dem Jahre 1908, wie sie vom Kirchengemeinderat beschlossen worden war.

Der Mesner hat seinen Dienst nach Vorschrift treu und würdig zu vollziehen ... , einen ehrbaren und unbescholtenen Wandel zu führen gemäß dem Evangelium Christi. Über amtliche Aufträge und Mitteilungen hat er strengste Verschwiegenheit zu beobachten. Der Mesner hat die Kirche ... zu öffnen... zu schließen. Altar- und Kanzelbekleidung sind stets reinlich zu halten... Die Kapelle alle vier Wochen auszukehren ... die Altarteppiche gehörig auszuklopfen und mindestens einmal auf dem Schnee durchzubürsten. Zweimal im Jahr muss die ganze Kapelle in allen Teilen gründlich geputzt werden. Die Aborte für die Kirchenbesucher sind stets reinlich zu halten. Es gibt noch weitere Reinigungsaufgaben, aber auch das ''rechtzeitige Heizen der Kapelle und bei Abendgottesdiensten die Beleuchtung" ein- und abzustellen. Der Mesner hat den Geistlichen bei amtlichen Verrichtungen, insbesondere Haustaufen, Privatkommunionen und Beerdigungen ... zu unterstützen ..., für ihn die nötigen amtlichen Ausgänge zu machen ..., Briefe und Pakete zur Post zu bringen. Als Schuldiener hat der Mesner sommers wie winters das Schullokal wöchentlich dreimal gründlich auszukehren, gehörig zu lüften, die Bänke und Geräte sauber abzustauben ..., Fußböden nass zu wischen und sie zweimal im Jahr neu zu ölen. Erwartet wird von ihm ferner, dass er sich der Schüler freundlich annimmt bei Unfällen, Erkrankungen und dergleichen.

1862 steht im Kirchengemeinderatsprotokoll: Zur Heizung der Schule für den Winter werden zwei Klafter, also ca. sechs Kubikmeter Tannenscheiter und 3000 Stück Torf dekretiert. Das bleibt noch jahrzehntelang so. Im Zubereiten, Heizen und Ascheentleeren hat der Mesner gehörig zu tun. Alle die vielfältigen Verrichtungen musste er für 210 Mark im Jahr erfüllen. Für Taufen erhielt er zusätzlich 50 Pfennige, für Hochzeiten und Beerdigungen jeweils eine Mark, bei Kinderbegräbnissen und bei Privatkommunionen 50 Pfennige.
Betrachten wir den Zeitraum von 1861 bis 1880 im Totenregister der Kirchengemeinde Tettnang, so zählen wir 165 Beerdigungen. 61, also über ein Drittel, sind Begräbnisse von Kindern. In der Folgezeit lassen sich keine so genauen Relationen herstellen, weil die beiden Krankenanstalten Liebenau und Pfingstweid sehr viele Sterbefälle zu verzeichnen haben. Als Todesursache wird in 31 Fällen Gichter angegeben, eine besonders bei Kindern auftretende Art von Krämpfen.

Die Ärztin Anna Fischer-Dückelmann* erklärt Gichter oder auch Fraisen so: Es sind Spasmen, also eine Art von Krämpfen, wie sie bei Kindern auftreten. Bei schwindendem Bewusstsein stellen sich in einzelnen Muskelgruppen bei heftigen Anfällen selbst in den willkürlichen Muskeln des ganzen Körpers Zuckungen ein, denen Abgeschlagenheit folgt. Die Augen verdrehen sich, die Gesichtsfarbe wechselt rasch. Zuweilen tritt ein Lächeln auf, dessen sich die Kinder nicht bewusst sind. Die Glieder werden einwärts gebogen... Bleiben die Kinder stundenlang mit verdrehten Augen und eingezogenen Gliedern in betäubtem Zustande liegen, so spricht man von" stillen Gichtern". Rachitische Kinder neigen besonders zu solchen Krämpfen.

* A.Fischer-Dückelmann "Die Frau als Hausärztin", Stuttgart, 3.Auflage, 1952

Nimmt man die Gesamtzahl der 169 Familien in der Kirchengemeinde, so haben 75 ein bis fünf Kinder, 60 sechs bis zehn und 21 über zehn. Bei 13 Ehen lässt sich die Kinderzahl nicht feststellen. Eine Familie bekam im Zeitraum von 1852 bis 1872, also innerhalb von 20 Jahren achtzehn Kinder, von denen elf im ersten Lebensjahr starben. Einer anderen wurden in 24 Jahren 21 Kinder geboren, von denen nur zwölf das erste Jahr überlebten. Die von 1861 an geführten Kirchenbücher enthalten Eintragungen über Eheschließungen, Geburten, Glaubenserziehung der Kinder und Todesfälle. Zwischen 1861 und etwa 1900 lassen sich 169 Familien feststellen, die in irgendeiner Form kirchliche Amtshandlungen in Anspruch nahmen. 132 Ehen wurden zwischen evangelischen Partnern geschlossen und 37 zwischen evangelischen und katholischen. In 24 dieser letzteren wurden die Kinder katholisch und in dreizehn evangelisch erzogen. 23 mal gab die Mutter den Ausschlag (15 kath./ 8 ev.) und 13 mal der Vater (8 kath./5 ev.). Eine Ehe blieb kinderlos. Nicht uninteressant ist auch der Beruf des Familienvaters, wie er sich für diese Jahre feststellen lässt. Unter den 169 Familien zählen wir 35 Kleinbauern, 9 oder 10 Schäfer und 8 Tagelöhner. Weiter vertreten sind Justiz- und Kameralamtsangestellte (heute Finanzamt), Gutsbesitzer und Gutsverwalter, Revierförster, Handwerker und Kaufleute. Die Industrialisierung hatte das Oberland noch nicht erreicht. Nur je einmal werden ein Metalldreher und ein Werkmeister genannt. Nachdem 1850 die Eisenbahnstrecke Friedrichshafen-Ulm in Betrieb genommen worden war, ist nicht verwunderlich, dass auch drei Bahnwärter, ein Stationscommandant und ein Eisenbahnaufseher Arbeit fanden. Die Herkunftsgebiete der Gemeindeglieder zeigen, dass die meisten von ihnen nicht aus der unmittelbaren Umgebung Tettnangs stammen. 117 Männer und 102 Frauen kommen aus Nordwürttemberg. An zweiter Stelle steht Südwürttemberg mit 36 Männern und 23 Frauen. Baden ist mit drei Männern und vier Frauen vertreten. Fünf Männer haben ihre Heimatorte in Norddeutschland und je einer in Südrussland, Zürich und St. Gallen. Auch sechs Frauen haben weite Wege zurückgelegt, sie kommen aus der Oberpfalz, aus der Schweiz, aus Vorarlberg und Wien und sogar aus Bunzlau/Schlesien.

Wenden wir .uns wieder der allgemeinen Entwicklung zu. Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts kennzeichnete eine ungemeine wirtschaftliche und politische Expansion. Fast alle europäischen Staaten beteiligten sich am Wettlauf um Kolonien. Bei allem Fortschritt im industriellen Bereich entwickelte sich auch ein gefährlicher Nationalismus, der dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine besorgniserregende Krisenstimmung umschlug. Durch Europa ging ein Zug des Pessimismus, ja des Nihilismus, ein Gefühl der Gefährdung und der Angst vor einer übermächtigen Zukunft, eine innere Gebrochenheit... Man redete vom "Fin de siècle" und meinte es doppelsinnig. (B. Moeller, S.444)

Kirche und Theologie blieben davon nicht unberührt. "Kulturprotestantismus" und Pietismus rangen miteinander, aber befruchteten sich auch gegenseitig. Ersterer wollte die christliche Verkündigung dem Wandel des Denkens anpassen, war aber zugleich überzeugt, die Welt auf eine universale sittliche Gemeinschaft auszurichten. Dem Pietismus warf er vor, zu sehr ein Privatchristentum zu verinnerlichen und zu wenig Anteil am öffentlichen Leben zu nehmen und sich einem orthodoxen Frömmigkeits- und Sprachstil zu überlassen. (Thomas Nipperdey 1927-1992)

In Tettnang wirkte von 1899 bis 1937 ein Pfarrer. Achtunddreißig Jahre an einer Gemeinde war eine große Ausnahme. Dieser Pfarrer Traugott Elsenhans (1864 - 1951) stand mitten zwischen den beiden genannten weltanschaulichen Richtungen. Von 1906 - 1921 gab er allmonatlich ein Heft "Blätter aus der evangelischen Gemeinde Tettnang" heraus. Neben Nachrichten aus dem Gemeindeleben bearbeitete er jeweils ein Jahresthema. Die Blätter begannen mit der Kirchenverfassung und der Gesangbuchfrage. Letzteres Thema beschäftigte die württembergischen Christen ungemein. Zum ersten mal sollten nicht nur Liedtexte im Gesangbuch stehen, sondern auch Noten für ihre Melodien aufgenommen werden, was einen erheblichen Meinungsstreit ausgelöst hatte. Außerdem sollte das Werk als Vorläufer unseres heutigen Evangelischen Gesangbuches einen Kernbestand von gemeinsamen Liedern für alle deutschen Landeskirchen enthalten.

Danach stand das Gemeindeleben im Mittelpunkt. Der Jahrgang 1908 handelte zum Beispiel vom Kirchgang, der Nachbarschaftspflege und dem Schulunterricht. Beim Lesen spürt man, wie alle angeschnittenen Fragen im Grunde schon hundert Jahre alt sind. Der Aufforderung zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch stehen die Argumente, sich einmal in der Woche von anstrengender Arbeit erholen und Zeit für Erledigung privater Aufgaben haben zu müssen, entgegen.

Im nächsten Jahrgang ging es um Kollekte und Spenden. Sie sollten Herzens- und Gewissenssache sein und im richtigen Verhältnis zum Aufwand stehen, welchen sich jemand in seinem alltäglichen Leben gestattet. In dem Zusammenhang finden sich Worte, die uns auch wieder im Jahre 2004 angehen. Ich zitiere Elsenhans : Es unterliegt keinem Zweifel, seit das deutsche Volk in den Wettbewerb auf dem Weltmarkt eingetreten ist, muss es schon aus Gründen der Selbsterhaltung bei seinem starken Bevölkerungszuwachs mehr rechnen, mehr umtreiben, mehr wagen, mehr erwerben. Zwischen der altväterischen Behaglichkeit und dem modernen 'Zeit ist Geld' - Standpunkt muss es doch ein Mittelding geben; zwischen dem strebenden Erwerbssinn und der umständlichen Gründlichkeit muss ein Ausgleich ... möglich sein. So gewiss ein Verweilen beim Kleinen schließlich zur Kleinlichkeit führen kann, so auch eine Anbetung des Großartigen zur Großmannssucht.

Dann geht es um den Sonntag. Pfarrer Elsenhans weist darauf hin, dass ein Feiertagsgebot alleine dem Christen wenig helfe, wenn er nicht zu spüren vermag, dass es zum Beten ganz besonderer Sammlung bedarf. Der gesetzliche Sonntagsschutz alleine nütze nichts. Es komme auf die Freiwilligkeit an. Wie aber kann ein Pfarrer seine Gemeindeglieder davon überzeugen, dass Gottesdienst für sie eine Art Geschenk bedeutet. Ihn bewegt die gleiche Frage immer wieder, die später noch den 22 Jahre jüngeren Karl Barth zu Anfang seiner Amtstätigkeit umtreibt, denn in einem Brief klagt er einem Freunde: Stell' dir vor, ich sah heute vor der Predigt zum Fenster hinaus, wie die Safenwiler fröhlich im Sonnenschein spazieren gingen, statt in die Kirche zu kommen, und begriff sie so gut, obwohl ich theoretisch dachte, sie sollten das von den Sündern und der Freude im Himmel noch hören. Ich kann es ihnen eben jetzt einfach noch nicht so sagen - und wer weiß, ob je ? - dass sie hören müssen. Unterdessen gehen sie mit vollem Recht hemdärmlig spazieren. (H. Zahrnt - S. 77)

Im März 1910 steht die Beziehung der einzelnen Persönlichkeit zur Gesamtgemeinde im Mittelpunkt. Traugott Elsenhans sieht das so: Es fehlt die Liebe zur Gemeinschaft, die Hingabe an das Allgemeine, die Willigkeit für das Gemeinsame, es herrscht Gedankenlosigkeit über die Haftpflicht für das Gesamtwohl. Heiße nun das Ganze Staat oder Gemeinde, Genossenschaft oder Kirche, oder sonstwie Kommune. Kann eine solche bestehen, wenn sich die Glieder ihr entziehen, dürfen sie gemeinsame Rechte beanspruchen, wenn sie nicht auch gemeinsame Pflichten anerkennen, schließt man sich selbst aus von den Gütern der Gemeinschaft, wenn man ihre Pflege bloß andern überlässt, gehört man überhaupt noch zu ihr, wenn es fehlt am Gemeinsinn?
Etwas von diesem Gemeinsinn anerkannte der Dekan im Visitationsbericht, wenn er den Ertrag der kirchlichen Opfer über dem des Landesdurchschnitts sieht, wenngleich er sodann wieder einschränkt, das Opfern müsse den Leuten im Oberland ja auch leichter fallen, weil dort das Geld mehr umlaufe als im Unterland.

Etwa zur gleichen Zeit erging ein Erlass an die Pfarrämter, der die Goldenen Hochzeiten betraf. Majestätisch heißt es: In Fällen, wo ein Geldgeschenk nicht in Betracht kommt, haben Seine Königliche Majestät als Erinnerung an 50 jährige Jubiläen eine Plakette mit Allerhöchst Ihrem Bildnis gestiftet, auf welcher die Namen der Jubilare eingraviert werden. Gleichwohl werden seine Majestät an evangelische Jubilare fortab in erster Linie Prachtbibeln gewähren. Für letzteren Fall ist zugleich die Angabe des Trautextes erwünscht.

Noch ist die Welt festgefügt. Württemberg hat seinen König, und die württembergische Kirche in ihm ihr Oberhaupt. Doch wir stehen kurz vor dem 1. Weltkrieg, der die Fundamente dieser Ordnung zum Einsturz bringen wird. Viel sanfter, aber für uns anscheinend ebenso unwiederbringlich hatte sich das Klima inzwischen verändert. Im Winter 1911 kann die Kirchengemeinde Tettnang aber noch mit 30 Personen und mehreren Pferdeschlitten einen gemeinsamen Ausflug unternehmen. Der Chronist berichtet: Ein leichter Schneefall hatte die Bahn extra aufgefrischt. So ging's in flottem Tempo auf der Straße Langenargen zu durch den Seewald. Der weitgedehnte Tannenforst im dichten Schneegewand bot reizvolle Bilder, die mehrfach durch den Anblick flüchtenden Wilds zur vollen Winteridylle sich gestalteten ... Von Gießenbrück führte der Weg durch das als Schneelandschaft ebenso wie im Sommerkleid entzückende Argental aufwärts über Apflau und Laimnau-Dorf nach Bad- Laimnau. In froher Stimmung, doch mit etwas frostig steifen Gliedern strebte man der wärmenden Stube zu.

Zwischen Tettnang und Bad-Laimnau bestand über viele Jahre eine enge Beziehung. Aus dem Montfortschen Jagdschloss in Bad-Laimnau war inzwischen ein Wirtshaus geworden; die ehemalige Hauskapelle indessen stand den verstreuten evangelischen Christen einmal monatlich für einen Gottesdienst zur Verfügung. Der Kirchengemeindebezirk hatte nämlich eine große Ausdehnung. Er reichte von Laimnau bis weit hinter Meckenbeuren mit 30 km und von Pfingstweid bis Neukirch mit 12 km. Auch in Neukirch bestand einmal pro Monat Gelegenheit, einen Gottesdienst zu besuchen.

Pfarrer Elsenhans lag daran, Kontakte der Menschen untereinander zu pflegen. So entstanden Familienabende. In den Wintermonaten trafen sich Gemeindeglieder zwanglos abwechselnd in den Räumen des Rads oder des Bären. Umrahmt wurden diese Veranstaltungen von musikalischen Darbietungen einzelner Musikliebhaber auf Soloinstrumenten oder im Zusammenspiel zu zweit oder zu dritt. Beliebt waren auch Auftritte mit Sologesang oder im Chor unter Anleitung des Lehrers der evangelischen Schule. Gelegentlich führte man ein Dialektstück oder einen kleinen Schwank auf. Jeder dieser Abende war mit einem Vortrag des Pfarrers verbunden. Sein weitgespanntes Interesse war beeindruckend. Themen aus den Bereichen der Kunst- und Kirchengeschichte wechselten mit solchen über die Heiligen Stätten der Bibel, das Zweistromland oder Gestalten aus der deutschen Geschichte ab. Dankbar war er, wenn einmal Lehrer Rilling Erinnerungen an seine zwei Jahre in Jerusalem aufleben ließ oder ein Teilnehmer Lichtbilder aus Südwestafrika zeigte. Am letzten Abend vor dem 1. Weltkrieg im Dezember 1913 trugen Gemeindeglieder Gedichte vor.

Das Kommen zu diesen beliebten Familienabenden wurde danach abgebrochen. Man nahm sie erst sieben Jahre später, aber in Regie eines anderen Veranstalters, nämlich des Evangelischen Volksbundes, wieder auf. Der Evangelische Volksbund war 1919 entstanden. In seinem Gründungsaufruf hieß es: Die Durchdringung des Volkslebens mit den sittlichen Kräften des Christentums hängt ab von einer lebendigen Kirche und lebendigen Gemeinden. Die Lebenskräfte selbst muss freilich Gott geben, aber zum Bau von Kirche und Gemeinden will er auch unseren Dienst. Darum will der Evangelische Volksbund alle die zusammenschließen, die der Kirche mit persönlichem Bewusstsein angehören und in ihr mitarbeiten wollen. (Unerwartete Wege, S.132) Wichtigstes Anliegen war, bei Zeitfragen die Stimme des christlichen Gewissens zu Gehör zu bringen. Königstreu und konservativ waren der Pfarrer und bestimmt auch der größte Teil seiner Tettnanger Gemeinde gewesen. Wohl hatte man wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Wettbewerb gutgeheißen, aber eine militärische Auseinandersetzung im Herzen Europas nicht in Betracht gezogen. Der Krieg rüttelte nun an den Fundamenten. Pfarrer Elsenhans dazu: Die Tatsache, dass überhaupt Krieg ist, gibt genug zu denken, oder vielmehr da hört alles Denken auf. Krieg ist so widersinnig, dass man beim Nachdenken darüber wahnsinnig werden möchte. Krieg, der offenbar sein muss, ist ein solcher Faustschlag ins Gesicht der Kultur, dass alle Gedanken an Naturnotwendigkeit, geschichtliche Notwendigkeit, erzieherischen Wert oder wirtschaftlichen Wert davor lächerlich werden. Dem Christentum ist der Krieg ein Rätsel, das einstweilen beiseite gelegt werden muss. Die schlichte Christenauffassung von göttlicher Heimsuchung, von väterlicher Führung, auch durch Trübsal, zeigt den Weg, auf dem das einzelne Herz für sich zur Geduld gelangt, aber an der Ungeheuerlichkeit des Widerspruchs zwischen Ist und Soll für den klaffenden Zwiespalt in der gewissenhaften Seele reicht dieser Trost nicht hin... Es ist ein bedenkliches Reden von unserer gerechten Sache und unserem guten Gewissen. So lauter war unser Tun nicht, so aufrichtig unser Leben nicht. Monat um Monat verging, doch dem Kriegsgeschehen konnte kein Ende gesetzt werden. Nun finden sich vermehrt patriotische Äußerungen, jedoch immer ohne ein christlich verbrämtes Heldenpathos.

Der Kirchengemeinderat beschließt, Kriegsanleihen zu zeichnen. Elsenhans greift Argumente auf gegen das Spenden, zum Beispiel, es verlängere den Krieg, aber er hält es letzten Endes doch für notwendig, weil die Brüder draußen an der Front Hilfe brauchen. Er versichert seiner Gemeinde: Das Geld ist nicht verloren! Dafür bürgen die unerhört großartigen Triumphe der deutschen und verbündeten Krieger. Noch im Oktober 1918 schließt ein letzter Aufruf zur neunten Anleihe: Mensch, ärgere dich nicht, zeichne Kriegsanleihen. So stellten Kirchenpflege und Schulfond, der Geld angelegt hatte, von der zweiten bis zur sechsten Kriegsanleihe von März 1915 bis Juni 1917 insgesamt 18 700 Goldmark zur Verfügung, was damals ein sehr hoher Betrag war. Mit der Inflation 1923 war alles verloren.

Der November 1918 mit der militärischen Niederlage und der Revolution, die alle deutschen Herrscherhäuser zum Rücktritt veranlasste, war ein tiefer Schock für die meisten Deutschen und auch die Tettnanger Gemeinde. Eine seit der Reformation bestehende Ordnung war zusammengebrochen. So sah es auch Pfarrer Elsenhans. Das "Deutschland über alles" hätte einen hässlichen herausfordernden Unterton. Es sei nicht weit vom Stolz zum Hochmut. Aber Hochmut komme vor dem Fall. Über das deutsche Volk sei eine geistige Störung und Verwirrung gekommen.

Die Demokratie hielt er für eine krankhafte Idee, dennoch war er der Meinung, dass der Krieg dem sozialen Denken kräftig nachgeholfen habe, weil er Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammengeführt habe. Und so freute er sich, als bei den Wahlen zum Tettnanger Gemeinderat ein Evangelischer zum ersten Mal ins Rathaus einzog.

Im Juli 1919, als die Friedensbedingungen bekannt geworden waren, standen zwei Bibelsprüche als Losungen dem Text des Kirchenblattes voran:
Gott verdammt niemand mit Unrecht, und der Allmächtige beugt das Recht nicht. (Hiob 34, 12)
Demütigt euch vor Gott, so wird er euch erhöhen. (Jak. 4, 10)

Uns erscheint das heute als ein zu sicheres Erkennen von Gottes Heilsplan. Elsenhans stellt die Frage, ob das zweite Versailles, der Friede von 1919 nicht habe kommen müssen, weil das erste, die Gründung des Deutschen Reiches 1871 nicht richtig verwaltet und gestaltet worden sei. Es gäbe eine innere Schuld vor Gott und unserem Gewissen. Das sind Worte, wie sie damals nicht von jeder Kanzel zu hören waren.

Im Pfarrbericht des Jahres 1922 lesen wir: Noch mehr als vor dem Kriege sind die Gemeindeglieder zusammengewürfelt aus den verschiedensten Gegenden, nicht nur Württembergs, sondern Deutschlands überhaupt... Die Hausandacht ist auf dem Lande mit ihrem geschlossenen Hauswesen, wohl auch unter dem stärkeren Einfluss der katholischen Umgebung mit ihren strengen Gebetsordnungen mehr gepflegt als in der Stadt mit ihrer Zersplitterung des Hauswesens.

Entstehen und Ausweitung der Rüstungsindustrie am Bodensee hatte Beschäftigung für Menschen aus allen Teilen Deutschlands geschaffen und deshalb auch die Zusammensetzung der Tettnanger Gemeinde verändert.

Wir haben die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert überschritten. Neue politische und kirchliche Perspektiven eröffneten sich. Wie würde man auf neue Herausforderungen reagieren? Man war auf dem Wege von der Staatskirche zur Volkskirche. Es ging um neue kirchliche Ordnungen, einen Kampf, der gewiss auch die Tettnanger Gemeinde nicht unberührt lassen wird. Das Aufkommen des Nationalsozialismus spaltete Kirchenleitung und Kirchenvolk. Über diese wichtige Zeit gibt es im Tettnanger Pfarrarchiv kaum Aufzeichnungen.

Mit Hochachtung und Dankbarkeit blicken wir auf die Arbeit von Pfarrer Traugott Elsenhans und seiner Vorgänger, die uns einen Blick auf eine lebendige Gemeinde von kleinen Anfängen zu einem festen Bestandteil des Tettnanger Lebens gestattet haben. Hundert Jahre nach dem Beginn 1861 war die Gemeinde durch die Aufnahme vieler durch den Krieg Vertriebener sehr angewachsen. Über diese Zeit wird dann wieder extra zu sprechen sein.