Pfarrer Geiger

Wohnen im Neuen Schloss in Tettnang und im neuen Gemeindezentrum

Pfarrer Martin Geiger war der letzte Bewohner der seit 1861 als Pfarrwohnung dienenden Räume im Montfort-Schloss und erster Bewohner im neuen Gemeindezentrum in der Martin-Luther-Straße. Er erinnert sich noch gerne an seine "Tettnanger Zeit".

Nachdem mir auf meiner ersten ständigen Pfarrstelle in Weikersheim im Hohenlohischen (1955 - 1966) die Pfarrwohnung immerhin im barocken Kavaliers- und Gästehaus des Renaissance- und Barockschlosses geboten war, erwartete mich beim Wechsel nach Tettnang im Januar 1966 dort eine Wohnung im Barock-Schloss, benachbart und passend zur seit 1854 der evangelischen Kirchengemeinde zur Verfügung überlassenen Schlosskirche.

Nach der freundlichen Abholung an der Bahn durch den damaligen Senior des Kirchengemeinderats Ernst Weber (Pfingstweid), Nachtessen und Übernachtung in der "Krone" und der frühen Bekanntschaft mit Herrn Wünsche, der am nächsten Morgen vor seiner, damals noch neben der Krone befindlichen, Drogerie beim Schneeräumen war, zog ich also ins Schloss ein.

Die Räume und der südliche Ausblick waren prachtvoll. Bald wurde ich vor der Gefahr und dem auch erfolgten, Absturz von Feuchtmayer-Deckenstuck gewarnt. Der Weg zu dem kalten Abort ohne Wasserspülung über den Korridor war weit und mühsam. (Die hohen Räume wurden noch größtenteils mit altmodischen Wasseralfinger-Öfen beheizt. Der Ascheneimer stand auf dem Treppenabsatz, beim Ausleeren der Asche stiegen die Staubwolken zum Deckenstuck auf).

Zur Investiturpredigt wusste ich noch nicht, dass mich der leibhaftige Bacchus vom Bacchussaal aus, mit dem ich im "Studierzimmer" Wand an Wand an meinen Predigten arbeitete, darüber trösten musste, dass mein trockener Weikersheimer Riesling, mit dem ich das Weintrinken in Hohenlohe/Tauber "gelernt" hatte in Tettnang von dem meist halbtrockenen Kaiserstühler abgelöst wurde.

Sonst genoss ich die fürstliche Wohnung mit Erker im Eckturm, "Wand an Wand" mit Landrat Dr. Diez, wie dieser bei meiner Investitur sagte (SZ 18.01.1966). Heute noch unvergessen ist ein Treffen (heute hieße es Party) mit den Pfarrfamilien des Kirchenbezirks Ravensburg. Derartig "barock-festliches" entfiel natürlich beim Umzug in das, noch unter Pfarrer Tangermann geplante und begonnene, Gemeindezentrum in der Martin-Luther-Straße. Dort hatte die Gemeinde ganz andere Möglichkeiten als im alten ehemaligen Schulhaus "wehmütigen Andenkens" in der Grabenstraße. Mit dem Umzug war die Gemeinde, außer "ihrer" schönen Schlosskirche, aus dem Montfort-Schloss "ausgeschlossen".

Übrigens war mein Weg zur Kanzel im Schloss zwar kürzer als vom Gemeindezentrum aus, aber nicht direkter, führte er dort doch auch vorwiegend über das Treppenhaus oder die Empore und die Sakristei.

Dankbar erwähnt werden müssen, außer den Mesnern in der Schlosskirche, der Hausmeister im Schloss Herr Schuler und im Gemeindehaus die Familien Lude und Brandl. Sie standen dem Pfarrer im "fürstlichen" und im "modernen" Wohnkomfort immer mit Rat und Tat zur Seite. Jedenfalls habe ich meine Jahre in Tettnang in guter und dankbarer Erinnerung.

Pfarrer i. R. Martin Geiger