Gedicht

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Gruß an die Tettnanger Diaspora

Wer weiß in unserm Heimatlande
Noch eine zweite solche Au,
die in des Segens Goldgewande
So reiche Ernten stellt zur Schau,
Wo solche Gnaden niedertropfen
Bei südlich warmem Sonnenschein,
Wo Spargeln, Kirschen, Most und Hopfen,
Wo Korn und Traubenblut gedeihn?

Ja "hier wächst alles" kann man hören,
Ein Stück Italien glänzt hier.
Und von den stolzen Bergeschören
Am Horizonte----------welche Zier!
Wie leuchten rings die bunten Farben
Wie wogt das Land hinab, hinan:
Bald dunkler Wald, bald helle Garben,
Bald Hügel und bald ebner Plan!
Ihr Christen aber mitten inne
In dieser reichen Landschaft sprecht:
Seid Ihr im Leben, Herzen, Sinne
Auch also fruchtbar, schön und recht?
Wo Baum und Strauch so holde Gaben,
So edle Ernte stets beschert,
Da sollte Gott auch Freude haben,
Die Freude die sein Herz begehrt.

Die Freude, dass in Treu und Reinheit
Ein jedes Glied sein Werk beschickt,
Und das der Geist der Herzenseinheit
Helläugig aus den Häusern blickt;
Daß Gottes Furcht die Herzen lenket,
Daß Glaube, Lieb und Hoffnung gilt,
Und jeder Gottes Rat bedenket,
Der reichlich aus der Bibel quillt.
O du Diaspora, wie schmerzlich,
Wenn du auch geistlich wärst "zerstreut"!
Sei treu und wachsam, warm und herzlich,
In Gott vereint und stets erfreut!
Dann bist du eins, ob weite Pfade
Von einem Hof zum andern ziehn,
Und blühst auch du durch Gottes Gnade,
Wie die Tettnanger Auen blühn!

Ravensburg
Gotthold Knapp

Dieses Gedicht wurde veröffentlicht in "Blätter aus der evangelischen Gemeinde Tettnang" September 1906.
Gotthold Knapp wurde 1848 in Stuttgart geboren. Sein Vater war Albert Knapp, von dem es in unserem Gesangbuch viele Lieder gibt. 1889 kam er als 2. Stadtpfarrer und Bezirksschulinspektor nach Ravensburg. In dieser Eigenschaft weihte er auch 1893 unser Schulgebäude ein. 1897 wurde Knapp Dekan in Ravensburg. Als Dekan hat er sich vielfältig für "seine oberschwäbische Diaspora" eingesetzt. 1908 erlag er einem Herzleiden. Gotthold Knapp hat die dichterische Ader wohl von seinem Vater geerbt. Von ihm sind viele Gedichte überliefert.