Kindheitserinnerungen ans Schloss, Klofenster, Kohlen und Fledermäuse

Die Familie Rapel kam 1949 nach Tettnang, wo der Vater als Justizangestellter Arbeit erhalten hatte und wohnte zunächst im Neuen Schloss, im ersten Stock, in den heutigen Verwaltungsräumen. Für den damals Achtjährigen Eberhard Rapel war alles Märchen, Abenteuer und Grusel zugleich. Solches teilte er mit weiteren Kindern im Haus, vor allem die etwas älteren Buben von Pfarrer Tangermann, der direkt neben der Schlosskapelle wohnte.

Der Innenhof, rund um den gusseisernen Brunnen, beschattet von zwei hohen Linden, war ein idealer Spielplatz. Der schwere Gitterrost neben dem Brunnen, durch den man schier endlos ins Tiefe blickte, beflügelte die Fantasie. „Überhaupt das Unterirdische. Schätze vermuteten wir Kinder dort“, erzählt Eberhard Rapel. Dorthin gelangte man auf zwei Wegen:

Einmal gab’s, vor allem als Versteck, den fast mannshohen, gemauerten und gewölbten „Geheimgang“ (die von den Montfortgrafen angelegte Abwasserröhre), in den man durch eine Öffnung von der Außenmauer des Schlosses (bei der heutigen Südterrasse) gelangte. „Er war lang, roch ziemlich schlecht und reichte wohl bis zur Schlossstraße, dann war er zugemauert“.

Zum andern waren da die Gewölbekeller, die man u. a. durch die Tür neben dem Treppenaufgang zum Schlossmuseum erreichte, über steile, dunkle Treppen. „Zuerst kamen Kohlen und Briketts, dann quietschende Türen, die die größeren Buben irgendwie aufbekamen“ – so die Erinnerung. Aber Schätze? Regale mit Akten und, aus Kindersicht, anderes Gerümpel entdeckte man im modrigen Halbdunkel. Schmunzelnd erzählt Eberhard Rapel weiter von seiner ersten Erkundung der Unterwelt: „Plötzlich Geschrei am Ende des Ganges. Aufgescheuchte Fledermäuse umschwirrten uns. Schnell waren wir wieder am Tageslicht.“ Nun waren die oberen Geschosse dran.

Die riesigen Wandbilder in den Umgängen beeindruckten die Kinder, auch die schweren Eisentüren der (nicht mehr vorhandenen) Hinterlader-Kachelöfen, der Blick in den Schlosshof ebenso. Hinter den Holztüren arbeiteten Justizbedienstete. Manchmal spähte man hinein. Drinnen standen eiserne, vielfach verzierte schwarze Kanonenöfen. Die wurden vom Innenraum her beheizt, oft von Mutter und Vater, die neben Hausmeister Schuler im Schloss ebenfalls nach dem Rechte zu sehen hatten. Da hieß es dann von den Großen Kohlen schleppen. Und da war noch eine alte Frau, buckelig – oft mit schwarz verrußtem Gesicht. Später wusste ich, dass es die Frau von Kohlenhändler Schmid war. Sie war immer frohen Mutes, nie böse zu uns Kindern, obwohl sie das schwere Brennmaterial sackweise in den Keller schleppen musste.

„Ein für uns fast magischer ‚Aussichtspunkt’ war das Klofenster. Es schloss die Wohnung gegen die (heutige) Orgelempore der Schlosskirche ab“, berichtet Rapel weiter. Mit Hilfe eines Hockers konnte er die Leute unten in der Kirche beim Gottesdienst beobachten. „In meiner Erinnerung war das lustig. Oft haben die sehr schön gesungen, mal stehend, mal sitzend. Der Pfarrer war aber nur zu hören, wenn er mit erhobener Stimme sprach. ‚Ob er wohl mit den Leuten schimpft, ihnen ins Gewissen redet?’ habe ich mich damals gefragt.“

Aber Ärger gab’s mit dem Vater, wenn ich meinte, an die Klofensterscheibe klopfen zu müssen. Da setzte es dann auch mal Hiebe…