Anfänge der Tettnanger Gemeinde

Stadtpfarrer Ferdinand Leube war seit 1854 erster ständiger Stadtpfarrer in Friedrichshafen. Zu seiner Gemeinde gehörten alle Evangelischen am Bodensee zwischen der bayerischen und badischen Grenze. Mit viel Liebe und großer Energie und Zähigkeit setzte er sich für den Wunsch der Evangelischen nach einem Raum für einen Gottesdienst in Tettnang ein. Ihm ist es zu verdanken, dass am 22. August 1854 die heutige Schlosskirche für den evangelischen Gottesdienst eingeweiht werden konnte. Bis zu seiner Abberufung als Oberinspektor des Stuttgarter Waisenhauses 1859 war er Seelsorger der Tettnanger Gemeinde. Auch von Stuttgart aus setzte er sich weiterhin für seine Tettnanger ein. Ihm ist es auch zu verdanken, dass 1861 ein Pfarrverweser nach Tettnang kam. In das 1854 angelegte Protokollbuch schrieb er folgende Vorrede:

Schon vor mehreren Jahren wird von Einigen in Tettnang der Wunsch ausgesprochen, dass daselbst ein evangelischer Gottesdienst eingerichtet werden möchte u. dieser Wunsch auch an die Oberkirchenbehörde gebracht, allein eine solche Bitte wurde abgewiesen weil die Zahl der Evangelischen zu klein sei. Diese Zahl mehrte sich jedoch u. der Wunsch nach einem evangelischem Gottesdienst wurde erneuert. Stadtpfarrer Leube wandte sich deshalb im Jahr 1850 zuerst an den Stiftungsrath in Tettnang mit der Bitte, es möchte eine sonst wenig benützte kath. Kapelle daselbst dazu überlassen werden, dass da alle viertel Jahr ein evangelischer Gottesdienst dort abgehalten werden dürfte. Diese Bitte wurde abgeschlagen.

Eine 2te ähnliche Bitte, im Namen der Evangelischen von Tettnang an den dort. Stiftungsrat gestellt, wurde gleichfalls abgeschlagen Auf dies hin wandte sich Stadtpfarrer Leube in einer weitläufigen Darlegung der Verhältnisse im Jahr 1852 an die Oberkirchenbehörde mit der Bitte, dass im Schloss zu Tettnang eine frühere aber verfallene und zur Remise benützte Kapelle zum evang. Gottesdienst hergestellt und ein regelmäßiger Gottesdienst daselbst abgehalten werden möchte. Diese Bitte ist gewährt u. von dem Kön. Ministerium des Kirchen- u. Schulwesens vor. Erl. v. 12. Oct. 1853 die stets widerrufliche Überlassung der Kapelle für die evang. Gottesdienste u. die bauliche Herstellung derselben mit einem Aufwand von 1230 fl. von dem Kön. Finanzministerium zugesagt worden. Im Frühling des Jahres 1854 wurde das Bauwesen unter der Leitung von H. Bauinspektor Pfeilsticker in Ravensburg ausgeführt u. durch Herrn Kameralverwalter Nübling möglichst gefördert, nachdem zuvor zur Gewährung der Bitte überhaupt H Oberamtmann Wolff, welcher im Frühling des Jahres 1854 von Tettnang nach Heidenheim befördert wurde, kräftig mitgewirkt hatte.

Am 22. Aug. dieses Jahres wurde die Kapelle in Gegenwart Ihrer Majestät der Königin u. Ihrer Kön. Hoheit der Frau Prinzessin Friedrich von Württemberg feierlich eingeweiht gemäß einem, von einem Beamten vorher entworfenen und gedruckten Programm, welches bei den Acten liegt. Da jedoch die Kanzel noch nicht fertig gewesen war, so konnte der regelmäßige Gottesdienst erst später eröffnet werden u. zwar am 16. Sont. n. Trin. d. 1. Oct. 1854.

Die Verordnung des Kön. evang. Consistoriums in Betreff der Pastorisation vom 16. Jan. 1854 lautet also:

a. alle 4 Wochen eine Son.- od. Festtagspredigt, mit angehängter Kinderlehre oder Abendmahlsfeier, welch letzterem die Beichthandlung vorauszuschicken ist. Es mag von vor der Hand an 2 maliger Feier des h. Abendmahls in jedem Jahr genügen. Die Kinderlehre des Mutterorts "cassiert" an dem Tage, da der Stadtpfarrer zu Tettnang zu predigen hat.

b. Verbindung jeder an einem Feier- od. Werktag eintretenden kirchlichen Handlung, Taufe, Trauung, Leiche mit einem Gottesdienst für die Gemeinde, sei es Betstunde oder Katechisation bei Taufen, Rede od. Predigt bei Trauungen u. Leichen. (Dabei wird vorausgesetzt, dass eine Gemeindeversammlung, ob auch in geringer Zahl für solche Kulte zusammenzubringen ist.)

In seinem Erlass des Kn. Consistor. v. 15. Febr. 1854 ist je am ersten Sonntag eines Monats in Tettnang zu predigen, ebenso in Verbindung mit dem heiligen Abendmahl je am Ostermontag, Pfingstmontag und Stephanustag, wogegen die monatliche gewöhnliche Sonntagspredigt in dem Falle "cassieren" kann, wenn sie 8 Tage vor od. nach den eben bezeichneten 3 Tagen "einfiele" In einzelnen Fällen welche eine Abweichung von der gewöhnlichen Ordnung nothwendig machen, ist dafür zu sorgen, dass die Gemeinde rechtzeitig davon in Kenntniß gesetzt wird Nachdem hiernach der Gottesdienst eingerichtet worden ist, so wurde zur Leitung des Kirchenwesens in Tettnang der Verordnung gemäß nach dem Gottesdienst am 21. Son. n. Trin. den 5. Nov. 1854 die Wahl eines Pfarrgemeinderaths in der Kapelle selbst vorgenommen und hierbei sind gewählt worden:

Färbermeister Finninger mit 18 St.
Oberamtsrichter Bauer " 16 St.
Kameralverwalter Nübling " 14. St.
Verwalter Greiner z. Kaltenberg " 12 St.

Weitere Stimmen erhielten Oberamtsactuarius Pfeilsticker 6, Nagelschmied Glück in Motzenhaus 5, Reallehrer Stelzer u. gens. O.A. Gerichtsdiener Wizemann in Tettnang je 3 St.

Die somit gewählten Pfarrgemeinderathsmitglieder sind von der Oberkirchenbehörde unter dem 5. Dez. 1854 bestätigt u. schon am 3. Dec. d. J. unmittelbar nach dem Gottesdienst in der Kapelle vor versammelter Gemeinde in Pflichten genommen worden. Hierauf wurde auch sogleich die erste Sitzung gehalten u. zwar in dem Amtszimmer des Herrn Oberamtsrichters, welcher dasselbe zu diesem Zweck mit großer Zuvorkommenheit eingeräumt hat.

Friedrichshafen d. 4. Dec. 1854
Stadtpfarrer Leube

Protokollbuch